Schlagwort: Rente

Unsterblichkeit

Mal ganz Allgemein

Wenn man das Leben mal ganz abstrakt betrachtet dann ist es – eine exotherme chemische Reaktion. Und wenn man einer solchen Reaktion fortwährend etwas umzusetzen gibt, wird sie auch unendlich fortlaufen.

Wir alle wissen aber, dass zumindest Lebewesen wie wir sie kennen und vor allem Menschen nicht unsterblich sind. An der zugrunde liegenden exothermen Reaktion liegt das schon mal nicht, sondern – und das weiß man spätestens wenn man älteren Personen bei Gespräch und Arbeit lauscht – an Verschleiß diverser Körperteile und Funktionen. Die Gelenke büßen an Beweglichkeit ein, die Nerven übertragen schlechter Impulse, Gefäße verkalken, Knochen werden porös und nicht zuletzt wird die DNA zunehmend beschädigt womit die Regeneration von Zellen abnimmt.

Prinzipiell ist das alles verständlich, teilweise ist es gut beobachtbar und verstanden. Was fehlt ist die Möglichkeit diese Prozesse zu stoppen. Daran wird gearbeitet, und da dieser Eintrag in der Kategorie „Fiction Discussed“ steht, nehmen wir einfach einmal an es gelänge eines Tages das Altern zustoppen. Welche Folgen hätte dies?

Die Folgen

Nun zu aller erst fällt einem die Überbevölkerung ein. Wenn die Alten nicht mehr sterben und Platz für die Jungen machen, wird es früher oder später eng auf unserer kleinen blauen Kugel. Die Ressourcen werden knapp und Konflikte wären vorprogrammiert. Um das zu umgehen nehmen wir einfach an es gäbe eine Regelung die Überbevölkerung vermeidet – wie auch immer das aussehen soll.

Das zweite Problem ist nicht wirklich ein Problem, sondern viel eher die Realität: Wer nicht altert hat keinen Anspruch auf Rente. Denn die sollte (so die ursprüngliche Intention) einem Menschen der körperlich nicht mehr in der Lage war sein Auskommen selbst zu erarbeiten, in die Lage versetzen seinen Lebensabend in Würde zu verbringen.

Das eigentliche Problem

Abseits dieser banalen monetären Probleme gibt es aber eins, welches man nicht auf den ersten Blick sieht:
Neurologen konnten nachweisen, dass junge und alte Menschen etwas grundsätzlich anders machen: Sie lernen verschieden.

Während die Hirne von Kinder und Jugendliche in der Gesamtheit undifferenziert ständig neue Verknüpfungen anlegen und zerstören läuft dieser Prozess bei erwachsenen viel zäher ab. Es benötigt viele Wiederholungen um neue Verbindungen zu etablieren und alte abzubauen. Man denkt sprichwörtlich „in alten Bahnen“.

Die Jugend ist hochgradig kreativ und vor allem im Kindesalter wuselig (junge Eltern können das bestätigen), haben aber auch eine Menge Flausen und Dummheiten im Kopf. Sie arbeiten unkonzentrierte, können dadurch aber auch schneller neue Dinge lernen.

Ganz gegenteilig verhält es sich mit alten Menschen. Diese lernen immer noch, aber anders als Kinder. Sie verfeinern ihre Fähigkeiten und gelangen vor allem in handwerklichen Tätigkeiten zu einer Meisterschaft die die Jugend nur bestaunen kann. Allerdings fällt das Lernen neuer Konzepte ihnen so schwer, dass nicht selten Resignation und Angst mit Veränderungen einhergeht. Altersstarrsinn ist nicht zwangsläufig Bosheit gegenüber anderen geschuldet, sondern ein altersbedingtes Problem. Diese Umstellung verhindern kann bisher keiner, denn sie ist eine natürliche Folge der Lernmechanik.

Wenn nun aber die Form des Lernens nicht revidiert werden kann, dann wird – in einer Gesellschaft der Unsterblichkeit – spätestens nach 100 Jahren der Anteil der kreativ, ja querdenkenden Menschen gegen Null gehen.

Der folgerichtige Schluss lautet: Unsterblichkeit wäre das Ende der Kultur!

Ermöglicht man aber die Form des Lernens zu ändern wird zweifellos das Pendel in die andere Richtung ausschlagen und ein Mangel an Spezialisten herrschen. Wobei hier die Natur rettend eingreifen könnte. Denn wenn die Lernmechanik selbst unverändert bleibt, könnte man wieder von neuem lernen bis zur Spezialisierung. (Nebenbei: Der „Jugendmodus“ würde im alten Gehirn auch zum Vergessen führen, oder „Erinnerungen“ d.h. Verbindungen erzeugen die gar nicht existierten. Ob es erstrebenswert ist, ein Gedächtnis voller Unsicherheiten zu besitzen ist zweifelhaft. Einzige Alternative wäre das Löschen des gesamten Gehirns – womit der Sinn der Unsterblichkeit ad Absurdum geführt währe, kommt dies doch einer Neugeburt sehr nahe.)

Die Situation heute

Schon heute entwickelt sich unsere Gesellschaft, in kleinen Schritten zwar, in Richtung der Unsterblichkeit. Die Gruppe der Alten wird immer größer. Faktisch werden die meisten Rentner – hart ausgedrückt – älter als gesellschaftlich nötig. Man mag es Ihnen gönnen, schließlich hoffen wir alle auf ein langes und gesundes Leben. Problematisch ist dabei, dass die Rente nicht mehr den viel zu kurzen Lebensabend würdevoll absichern soll, sondern dass sie der „Spasskultur im Lebensabend“ dient.

Die Lösung

Das wäre natürlich eine feine Sache, wenn ein dahergelaufener Student dieses Problem so nebenbei in seinem Blog löst. So leicht ist es aber nicht. Eine Lösung muss allgemeingültig sein, d.h. sie muss auf das gesamte Volk anwendbar sein – zumindest aber auf die überwiegende Mehrheit (>80%).
Keine Lösung ist das was unsere Regierung seit mehr als einem Jahrzehnt versucht: Die Lebensarbeitszeit zu verlängern. Für einen Politiker, der den größten Teil seines (nicht immer stressfreien) Lebens im Sitzen verbracht hat (und von eben solchen Menschen umgeben ist), mag es nicht abwegig sein zu glauben man könnte auch noch mit 75 arbeiten. An einem Schreibtisch, bei einer gleich bleibenden Tätigkeit ist dies durchaus richtig. Einem körperlich arbeitenden Menschen kann man dies nicht zumuten. Die körperlich härtesten Arbeiter müssten der Gerechtigkeit halber bereits mit 55 in Rente geschickt werden. Aber auch die weniger schweren Arbeiten können für alte Mitarbeiter riesige Hürden bergen. Wie ich oben ausführlich geschrieben habe, können alte Menschen nur sehr schwer neue Konzepte lernen. Einem Mittfünfziger ein neues Arbeitsmodell beizubringen (z.B. Umstellung auf Computerisierte Arbeitsplätze) ist für diesen eine kaum zu stemmende Belastung. Diese Änderung hat nämlich ein hohes Stresspotential – der Alte muss nämlich zeigen, dass er mithalten kann, und fürchtet nicht zu unrecht sonst seinen Arbeitsplatz zu verlieren.

Nein, die Lösung muss anders aussehen. Sie könnte auf zwei Prinzipien basieren:

  1. Flexibles Rentenalter zwischen 55 und 70 Jahren, abhängig von der körperlich Belastung.
  2. Übernahme von, für die Gemeinschaft sinnvollen, Aufgaben durch Rentner.

Als die Rente nur noch die kurze Zeitspanne zwischen Arbeitsende und Lebensende abdecken musste, könnte man den Alten einen beliebig zwanglosen Lebensabend gönnen. Da die Rente aber heutzutage einen nicht unerheblichen Teil (in Zukunft ein Viertel) der durchschnittlich zu erwartenden Lebensspanne beträgt, muss auch in dieser Zeit etwas von diesen Menschen geleistet werden. Zu diesen Aufgaben könnte z.B. gehören:

  • Bereitstellung von Wissen als „Business Angel“
  • Betreuung von Kindern (als Unterstützung zur Betreuung in Kindergärten und Schulen)
  • Verschönerung und Pflege der Umgebung
  • Ehrenamtliche Tätigkeiten z.B. in Vereinen
  • Ehrenamtliche Ausbilder in Betrieben (Ausbildung kostet vor allem Zeit. Wenn ehrenamtlich alte Mitarbeiter Basiswissen vermitteln kann dies gemildert werden.)

Schon heute gibt es nicht wenige die dieser Idee freiwillig nachkommen. Dies muss von staatlicher Seite unbedingt gefördert werden. In wieweit man eine solche Tätigkeit verpflichtend fordern sollte ist Aufgabe der Politik.

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