Neue Trachten für das Erzgebirge

Als kürzlich US Präsident Obama über den Rhein flanierte um unsere Kanzlerin zu begrüßen, prägte sich mir ein bestimmtes Bild ein. Und zwar als der US Präsident auf deutscher Seite von zwei jungen Mädchen in lokaler Tracht begrüßt wurde. Auf der einen Seite stand da der junge, dynamische, Web2.0 US Präsident, geradezu ein Symbol für Hoffnung auf Fortschritt und Zukunft, auf der anderen Seite das traditionsreiche, unpraktische, man möchte sagen, das „alte Europa“.

Obama und die Badener-Trachten-Mädels. (Bild von DPA, gefunden bei westfaelische-nachrichten.de)
Obama und die Badener-Trachten-Mädels. (Bild von DPA, gefunden bei http://westfaelische-nachrichten.de)

Als ich dieses Bild vor Augen hatte kam mir der Gedanke, wie ein solcher Empfang im Erzgebirge ausgesehen hätte. Die überbordend dekorierten, ja kitschigen Trachten der südlichen Regionen gibt es bei uns im Gebirge nicht. Bei uns stammen die Trachten aus dem Arbeitsleben einer Branche die unsere Region geprägt hat – dem Bergbau. Doch haben diese Trachten noch Relevanz?

Ich möchte dieses Thema in den nächsten Punkten diskutieren. Meine Aussagen werde ich nummerieren, so dass Antworten auf einzelne Aussagen leichter zu adressieren sind.

  1. Trachten werden häufig mit Tradition gleichgestellt bzw. verwechselt.

  2. Trachten entstanden aber als Erkennungszeichen sozialer bzw. lokaler Gruppen. Erst über die Zeit hinweg wurde das Tragen einer Tracht zur Tradition die sich auch dann noch hielt, als die Tracht selbst an Wichtigkeit verlor.

  3. Das Habit und die Bergbautradition sind historisch mit dem Erzgebirge verwachsen. Doch ist diese Tracht für die Menschen mittlerweile ohne Bedeutung. Sie wird nur noch zu wenigen bestimmten Anlässen wie z.B. Umzügen in der Art eines Kostüms getragen. Einzelpersonen tragen das Habit z.B. niemals beim Kirchgang oder bei privaten Festen. Es mag Regionen geben wo die historische Tracht auch heute noch getragen wird (man denke an den Kirchgang in Lederhosen in Oberbayern). Im Erzgebirge existiert keine so gelebte Tracht.

Sieht man diesen Zustand als einen zu beseitigenden Mangel an, so muss man sich fragen was eine Tracht eigentlich ist?

  1. Trachten müssen verschiedene Dinge leisten um als Tracht gelebt zu werden:

    1. Identifikation
      Die Tracht muss in den Farben und Symbolen ihre Träger repräsentieren und der gegenseitigen Identifizierbarkeit dienen.

    2. Würde
      Der Träger der Tracht soll durch diese nicht zum Gespött der Leute werden, sondern dem Unbeteiligten vermitteln: „Ich gehöre mit Stolz zu dieser Gruppe.“

    3. Angemessen
      Die Tracht muss geeignet sein um bei vielen verschiedenen, offiziellen wie privaten, Anlässen getragen zu werden. Dies reicht von der Hochzeit über den Schulanfang bis zu offiziellen Empfängen. Wer eine Tracht trägt, darf durch diese nicht negativ auffallen.

    4. Tragbar
      Die Tracht muss vom Träger selbst angelegt werden können. Sie muss weiterhin praktische Elemente haben (z.B. Taschen) damit das Tragen der Tracht keine übermäßige Belastung darstellt.

    5. Individuell
      Eine Tracht ist keine Uniform. Sie gibt den Rahmen vor in dem sich der Träger bzw. seine unmittelbare Gruppe verwirklichen kann. Die Tracht kann in verschiedenen Stoffen gefertigt und unterschiedlich Aufwändig verziert sein.

Nachdem die Funktion bestimmt ist, bleibt die Frage wie eine moderne Tracht für das Erzgebirge aussehen könnte.

  1. Im Gegensatz zu früheren Zeiten gibt es heutzutage nicht mehr nur eine Branche, welche zur Identifikation der gesamten Region taugt.

  2. Des weiteren gibt es für kaum eine Berufsgruppe mehr „Ausgehuniformen“ wie z.B. das Habit bei den Bergleuten.

  3. Aus den letzten beiden Punkten lässt sich folgern, dass eine arbeits- bzw berufsorientierte Tracht nicht mehr zeitgemäß und für den Zweck deshalb unangemessen ist.

  4. Die heutige Kleidung, welche bei vielen Anlässen getragen wird um angemessen gekleidet zu sein, ist der Anzug.

  5. Der Anzug ist aber bewusst unauffällig und schlicht gehalten. Er bietet eben gerade keine Identifikationsfunktion. Vor allem nicht zur Unterscheidung lokaler Gruppen.

  6. Der Anzug beim Mann bringt bereits die Angemessenheit und Tragbarkeit mit, welche für eine Tracht zu Wünschen ist. Auch ein Maß an Würde wird ihm, durch den allgemeinen Einsatz bei wichtigen Ereignissen, zugesprochen. Das gleiche gilt für das Businesskostüm bei Frauen.

  7. Eine Tracht sollte deshalb meiner Meinung nach aus diesen „Geschäftskleidern“ heraus entwickelt werden. Die Punkte „Identifikation“ und „Individualisierbarkeit“ gilt es geschickt einzubinden.

  8. Grundfarben zur Identifikation der Erzgebirgler können aus dem neuen Kreiswappen abgeleitet werden. Die neutralen Farben Schwarz und Weiß, die typische Farbe Grün sowie als Kontrastpunkt z.B. für Stickereien Gold. Bergbausymbole oder Symbole aus dem heimatlichen Gemeindewappen können als Details verarbeitet werden.

  9. Ob Farben ausreichen um eine Identifikation zu erreichen oder ob man weiter geht bleibt offen. So könnte man z.B. nach einem alternativen aber dezenten „Halzschmuck“ für den Mann suchen um sich von der „Geschäftskleidung mit Krawatte“ abzugrenzen.

Soweit meine Gedanken zum Thema Trachten. Die historischen Bergmannstrachten haben ihre Berechtigung bei den traditionellen Anlässen. Doch bin ich der Meinung, dass es an gelebten Trachten im Erzgebirge fehlt. Weiterhin glaube ich, dass die Menschen eine vernünftige (d.h. nicht kitschige) und vor allem tragbare Tracht durchaus aufnehmen würden. Man bedenke den Anklang den die „Haamitland Arzgebirg“ Marke gefunden hat.

Ich bin kein Modedesigner, deshalb kann ich hier keine konkreten Schnitte oder Zeichnungen präsentieren. Doch ich denke es gibt im Erzgebirge genügend Menschen mit Gefühl für Farbe, Form und Stoffen die ihre Gedanken zu diesem Thema zu Papier bringen können. Ich bin sehr gespannt ob mein Vorschlag von den Erzgebirglern positiv aufgenommen, oder abgelehnt wird.

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14 Gedanken zu „Neue Trachten für das Erzgebirge

  1. Glück auf aus Berggießhübel!

    Ich bin stolze Besitzerin einer erzgebirgischen Tracht, die ich selbst geklöppelt und genäht habe. Gebürtig aus dem Westerzgebirge (Kreis Annaberg) habe ich unter Anleitung unserer Handarbeitslehrerin nach der Wende selbige nach mir unbekanntem Entwurf genäht, die aufwendige Spitze für die Schürze nach dem Spruch: „Es grüne die Tanne, es wachse das Erz, Gott schenke uns allen ein fröhliches Herz:“ Hat mich viel zeit gekostet, soweit ich weiß, wird die Tracht aber auch zum Kauf angeboten. Ich habe sie seither vor allem zu Festumzügen oder bei regelmäßigen Besuchen in unseren Partnergemeinden getragen. Sie paßt mir noch gut und für Ortsfeste und zum Schauklöppeln werde ich sie gern immer wieder tragen!

    Getreu dem Motto: „Vergaß dei Haamit net…“

    Grüße
    K.Engert

  2. Grüß Gott Du geliebtes Arzgebirg!
    ich bin gebürtiger Erzgebirger und wohne seit 1984 im
    auch schönem Allgäu (dem Erzgebirge in vielen Dingen ähnlich). Da ich auch ein begeisteter Jäger bin und mir auch eine Kniebundlederhose zugelegt habe, wurde ich öfters als Scherz angesprochen, dass ich diese ja nicht tragen dürfte als Sachse. Ich habe dann erklärt, das ich aus dem Erzgebirge komme und da fast die gleiche Tracht getragen wurde, nur mit anderer Stickerei, und zwar Eichenlaub mit Eicheln. Dann waren sie immer ruhig und sagten,: Na ja klar, Gebirge ist Gebirge mit Jagd und ähnlicher Tracht. Frohen Mutes machte ich mich auf ins Heimatland, um mir eine erzgebirgische Trachtenlederhose zu kaufen.
    Und meine erschütterung war groß, weil ich nur die Bergmannszunfttracht erblickte und niemand über andere Trachten etwas wußte. Zufälligerweise war am letzen Wochenende in der Freien Presse (12.06.09) ein Bericht über den Heimatschnitzer Paul Schneider Annaberg mit zwei Bildern seiner Werke gedruckt. Unter anderem eine Gruppe in erzgebirgischer Tracht (fast wie Bayern). Ich hoffe und forsche noch,um an ein original Stickmuster zu kommen.Dann werde ich mir noch eine passende Lederhose anfertigen lassen können. Und um die Erzgebirgstracht werde ich mich weiter bemühen. Dadurch bin ich eigentlich auf Ihre Seite gestoßen und Sie sprechen mir aus dem Herzen.
    Ein gutes Gelingen
    Thom,as

    1. Danke für den Kommentar.
      Für ihre Zwecke wäre die klassische Tracht sogar angemessen. Auch das Umfeld ist im Allgäu sicherlich trachtenfreundlicher als bei uns und allgemein in nördlicheren Regionen.
      Aber nur um das noch einmal zu betonen: Ich glaube nicht, dass die alten Trachten (die es neben der Bergmannstracht gab) großen Zukunftschancen haben werden. Sie sind einfach zu bäuerlich-ländlich und wirken in unserem Alltag zu sehr als „Kostüm“. Mein Wunsch wäre es, eine neue Tracht zu finden mit der sich die Erzgebirger zeigen können und nicht automatisch als Kostümverein angesehen werden.

  3. Anhand der Blogstatik kann ich sehen, dass viele Leute diesen Artikel lesen, oder zumindest überfliegen.
    Es wäre schön, wenn ich weitere Kommentare zu dem Thema erhalten könnte.

  4. Für Ilustrationen suchte ich auch nach einer sächsischen Tracht, fand in einem Antiquariat ein Buch über Mode der Jahrhunderte, Sachsen ist aber wenig vertreten. Ich suche weiter, für mein Buch. BF

    1. Hallo Bettina,
      In Sachsen sollte man schon Trachten finden. Ich denke das Vogtland, die Sorben und vielleicht auch um Dresden gibt es Trachten. Wobei ich das einfach aus dem Bauch heraus behaupte. Also Weitersuchen – es gibt bestimmt Trachten zu finden. Nur im Erzgebirge sieht es wohl wirklich eng aus.

  5. Hallo, Ihr Lieben,

    zuerst einmal etwas zu der abgebildeten Tracht der beiden Mädchen. Es handelt sich um eine „Schappeltracht“, die als Brauttracht und für ganz besondere Gelegenheiten dient. Da gibt es Ähnliches auf der Schwalm (Hessen) im Schaumburger Land (Niedersachsen) und eben im Schwarzwald. Mit so einer Tracht lief natürlich kein Mensch im Alltag herum. Noch etwas zum Tracht tragen.
    In der Vergangenheit zeigte die Kleidung eines Menschen seine Herkunft, seinen Beruf und Stand an.
    Das kennen wir nur noch von bestimmten Berufsgruppen
    (Pfarrer / Richter / Polizist / Diakonisse.
    Dann gibt es Gegenden, wo es immer noch Menschen gibt , die im Alltag eine spezielle Tracht tragen.
    Auf der Schwalm und im Marburger Land (Hessen), bei den Sorben, im Schwarzwald und im Schaumburger Land. Das sind nur noch wenige, ältere Menschen. Große Zahlen an Trachtenträgerinnen gibt es noch in den Niederlanden Staphorst, Bunschoten, Urk, Huizen…
    Diese Menschen tragen ihre Tracht nicht als Verkleidung oder wegen der Touristen, sondern als Zeichen ihrer Identität. Um 1900 herum wurden diese Trachten immer größer und asugefeilter, so zum Beispiel die gigantische Bückeburger Flügelhauben und der Schulteraufbau in Bunschoten.
    Wir sind selbst oft an den Orten gewesen. Etwas ganz anderes sind Trachtenvereine, Brauchtumspflege und Ähnliches. Das sind Menschen, die im Alltag ganz „normal“ herum laufen und sich zu bestimmten Anlässen verkleiden.
    Das ist schon eins ehr spannendes Thema.
    Herzliche Grüße

    1. Danke für den interessanten Beitrag.
      Mein Artikel basierte jedoch mehr auf der Beobachtung, wie man z.Z. im Erzgebirge nach einer neuen „Identität“ sucht. Es gibt nicht wenige Jugendliche die sich wieder mit Anton Günther beschäftigen oder sich für das „Haamitland Arzgebirg“ Label interessieren. Das Label ist halt aber nur für Freizeitmode geeignet. Ein Pendant für offizielle Anlässe gibt es leider nicht.

      1. Ich kann mich an Erzählungen von einer „Barbara Uttmann – Tracht“ erinnern, wohl ein schlichtes braunes Kleid mit einer leinenen Schürze mit Klöppelspitze. Ich finde es nämlich auch echt arm, wenn in traditionellen Gaststätten wie z.Bsp. in der Frohnauer Hammerschänke, die Bedienung in schw-weiß rumläuft. oder auch die Erzgebirgischen Musikanten sich in Bayern-Dirdln präsentieren. haben wir wirklich so wenig eigene Identität?

  6. Ich kann mich erinnern das ich als Kind von Verwanten aus dem Erzgebirge eine kurze Lederhose mit Latz und eine graue Tachtenjacke mit Eichenlaubstickerei bekommen habe, da der Sohn verstorben war.
    Diese Sachen habe ich sehr gern getragen. Ich bedauere es sehr dass es so lange nach der Wende noch nicht gelungen ist für die Menschen im Erzgebirge der jeweiligen Region angemesseneTrachtenkleitung zu bekommen. Aus diesem Mangel trage auch ich wie etliche andere Menschen sogenannte Landhausmode. Einiges aus der Landhausmode mit passender Erzgebirgstickerei könnte ich mir durchaus vorstellen. Dazu bedarf es wohl Modemacher die den Mut dafür haben könnten.
    Vielleicht erlebe ich es doch noch. Mit herzlichen Gruß Rainer.

  7. Glückauf sehr geehrter Herr Fleischer,
    Ihr Artikel ist zwar schon ein paar Jahre alt, ist aber nach wie vor sehr interessant und anregend.
    Wenn in, sagen wir mal, St. Peter Ording, Paderborn oder Wattenscheid das angeblich „Traditionelle Oktoberfest“ gefeiert wird mit Weißbier, „Brezn“ und Weißwürsten und die bedirndelte Bedienung einen in nachgemachtem süddeutschem Dialekt mit „Grüaß Di“ anspricht – dann ist das alles nur noch lächerlich, es „paßt“ einfach nicht und wirkt schon auf den ersten Blick unecht. Gleiches gilt für irgendwelchen importierten Mummenschanz wie „St. Patrick’s Day“ oder Halloween. Kann nicht mehr lange dauern, bis wir in Deutschland auch das „Traditionelle Thanksgiving“ feiern.
    Dennoch: das heißt aber nicht, daß man nicht etwas Neues schaffen kann – nur sollte man sich eben auch anschauen, was man da so neu begründet. Wie heißt es so schön: „Beim ersten Mal ist es noch neu, beim zweiten Mal bereits Brauchtum und beim dritten Mal schon Tradition“. Mit anderen Worten: jede Tradition hat einmal jung angefangen. Und so sollte man auch keine Scheu haben vor neugeschaffenen Trachten. Denn vieles von dem, was wir heute für „typische Tracht“ halten, ist ja mitnichten „uuuralt“, sondern oftmals neu geschaffen worden. So sind schottische Tartans („Schottenkaros“) und die Kilts gar nicht übermäßig alt, sondern in wesentlichen Teilen eine romantisierende Erfindung des 19. Jahrhunderts, geschaffen von durchweg englischen Besuchern, die ins Hochland kamen. Im Grunde ein bißchen so, wie sich urbane „Landlust“-Leser heute das Landleben zurechtträumen. Auf dem Kontinent wurde zeitgleich ebenfalls kräftig von Auswärtigen romantisiert. Die „Sommerfrischler“ (wie sie damals noch hießen) aus den Städten waren begeistert vom Stil und den Stoffen ländlicher Kleidungsstücke (vor allem vom Gewand der Jäger), und kopierten diese dann. So entstand der süddeutsch-österreichische Trachtenanzug – eben kein ländlich-ursprüngliches Kleidungsstück, denn die Anzugform ist ja eine typisch städtisch-bürgerliche Bekleidung. Alle die Steirer, Kärntner oder Tiroler Trachtenanzüge, die wir heute für „echt“ und für „Tracht“ halten, sind erst im 19. und häufig auch erst im 20.(!) Jahrhundert entstanden. Dasselbe gilt für das „echte“ Kleidungsstück schlechthin: das „Dirndl“, in Wirklichkeit ein rein städtisches Kleidungsstück. Aber es muß nicht immer nur die Romantik Pate gestanden haben: die vertriebenen Ostpreußen schufen sich nach dem Krieg eine Ostpreußen-Tracht, wie es sie so nie im alten Ostpreußen gegeben hatte, um damit auch äußerlich Einigkeit zu demonstrieren. Die Nationaltracht der südafrikanischen „Buren“ ist ebenfalls erst im 20. Jahrhundert entstanden, ebenfalls aus einem patriotischen Impuls heraus.
    Also “neu” ist keineswegs “unecht”.

    Meine Frau und ich waren vor kurzem im Erzgebirge und waren begeistert. Und weil ich solche Reisen auch „nachbereite“, bin ich jetzt auf Ihre Seite und Ihren Beitrag gestoßen. Denn auch uns fiel das auf: wir haben noch nie so viele heimatverbundene und patriotische Menschen getroffen wie dort – aber so etwas wie eine „Erzgebirger Tracht“ haben wir nicht gesehen – vermutlich weil es eine solche Tracht auch nie gegeben hat, zumindest nicht so, wie es eine Schaumburger, eine Schwälmer, eine Werdenfelser Tracht gibt. Es scheint aber auch kein erzgebirgisches Äquivalent zum Trachtenanzug oder zum Dirndl zu geben, also ein neueres Kleidungsstück, das sich an historische Vorbilder anlehnt. Von dem auch hier angesprochenen Uthmann-Kleid habe ich zwar schon mal gehört – aber leider findet man im Internet nur Bilder von Barbara Uthmann selber, aber nicht von dieser konkreten Tracht aus den 1930er Jahren.
    Was wir im Erzgebirge sahen (durchweg bei der Bedienung in Restaurants oder Geschäften), war so „Landhausmode“ a la Stefanie Hertel, komplett mit Edelweiß…, na ja. Das einzig typische Erzgebirgische, das ich kenne, ist der bergmännische Habit, und der ist ohnehin eine rein männliche Bekleidung und zudem montanen Festtagen vorbehalten. Wenn ich Sie recht verstanden habe, Herr Fleischer, geht es Ihnen ja auch um eine alltagstaugliche Tracht: und wer wird schon in den Aldi gehen mit Schachthut, Tscherpertasche und Kniebügeln… Aber wenn es so etwas gäbe wie einen „montanen Trachtenanzug“, also einen Anzug mit historischen Bezügen, dann sähe das schon ganz anders aus. Ich könnte mir z. B. vorstellen: einen Anzug in Jankerform mit dezentem Schlägel- und Eisensymbol auf den Aufschlägen und den typischen Knopfreihen auf der Brust, wie man sie ja vom Bergkittel kennt. Man könnte auch an den doppelten Schulterkragen denken, den man ja auch am Bergkittel sieht. Nicht notwendigerweise Goldknöpfe, damit es etwas dezenter wirkt.

    Und was Bekleidung für Frauen angeht: daß man klassische Bergbau-Accessoires auch in der Damenbekleidung verwenden kann, das sieht man z. B. hier: das Montan-Dirndl aus der alten Montanstadt Leoben (Steiermark). So etwas ließe sich problemlos auch auf das Erzgebirge übertragen.

    http://www.trachten-baerbel.at/de/montan-dirndl%C2%AE/

    Noch ein Wort zum Thema Lederhose, weil das ja auch in einem anderen Kommentar angesprochen wurde: ich trage meine Lederbundhosen auch heute noch und habe sie nie als „exklusiv bayrisch“ angesehen. Spätestens mit der Jugendbewegung seit Anfang des 20. Jhdts. hielten kurze Lederhosen und Lederbundhosen doch überall Einzug in Deutschland und waren bis in die 1970er Jahre völlig normal, bis dann die Jeans kamen. Warum sollte man sie also nicht auch im Erzgebirge „reaktivieren“?

    Es gibt darüberhinaus im Erzgebirge durchaus 2 beachtenswerte Versuche bei Trachten im Montanbereich. Da gibt es den Versuch, wieder an die alte Arbeitstracht der Bergleute anzuknüpfen, also ohne all den farbigen Zierat. Das finde ich durchaus gelungen:
    http://www.unbekannter-bergbau.de/bergkittel/
    Wenn man sich jetzt die Blenden, Tscherpertaschen etc. wegdenkt: So etwas würde ich mir sofort auch als Überjacke anziehen anstatt meiner Wachsjacke. Durchaus alltagstauglich.

    Eine weitere tragbare Neuschöpfung und Neuinterpretation bei Frauenkleidung habe ich bei der Freiberger Berg- und Hüttenknappschaft gesehen: einfach, kein Schnickschnack, alltagstauglich und dennoch gut anzusehen.

    http://www.bahnhofsvorstadt.de/index.php?id=154&tx_ttnews%5Btt_news%5D=423&tx_ttnews%5BbackPid%5D=153&cHash=70b53fb2f2

    Und zur Vollständigkeit noch ein Versuch der im Erzgebirge wohl sehr bekannten „Auer Werkstube“: eine Art von Trachtenkleid. Leider gibt’s davon kein Photo, aber wenn man rechts durch die Türe „geht“ und sich mit der Maus bis in den letzten Raum durchfummelt, dann sieht man es. Bin davon noch nicht so hundertprozentig überzeugt, aber immerhin hat man hier die Stoffe und Muster verwendet, für die die Auer Werkstube seit Jahrzehnten bekannt ist.
    https://vtc.view3.com/en/vt/E9glVqXwvH/d/3121/siv/1

    Wirklich interessanter Artikel!
    Alles Gute und Glückauf.

    1. Danke. So eine profunde Antwort auf einen so alten Beitrag hätte ich nicht erwartet.
      Ich hänge noch der Idee hinterher, dass eine Tracht einerseits Einigkeit zeigen soll, andererseits kann sie durch dezente Abwandlungen auch den Kennern zeigen aus „welcher Ecke“ jemand stammt. In Indonesien (war dort gerade im Urlaub) gibt es bestimmte Batik Motive die Kennern ermöglichen zu erkennen von welcher Insel jemand stammt.

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